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Fünfte Dekade

2003–2012: WM 2006, Klopps BVB und Wolfsburgs Sensations-Meisterschaft

Als Sepp Blatter, der Präsident der Fifa, am 1. Juli 2000 bei der Vergabe der WM 2006 den Umschlag öffnet und seinen historischen Satz "and the winner is – Deutschland" spricht, hätte er getrost "and the Bundesliga" anfügen können. Aber das hätte das Protokoll nicht erlaubt und es hätte auch keiner verstanden. Doch die Austragung der Weltmeisterschaft ist ein starker Impulsgeber für den Boom, der bis heute in der Bundesliga zu spüren ist. Sie macht sich hübsch in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends; die Mannschaften spielen in Berlin, Hannover oder Frankfurt auf Großbaustellen. In München und Gelsenkirchen entstehen komplett neue Stadien und auch an allen anderen Austragungsorten wird gebaggert und geschraubt. Zwölf Stadien werden WM-reif gemacht und selbst wer den Zuschlag nicht erhält, lässt bauen oder modernisieren: Mönchengladbach, Bremen, Leverkusen, Rostock et cetera – um konkurrenzfähig zu bleiben.

Business-Seats und VIP-Logen sind längst Standard in der Bundesliga, die Anzahl der Stehplätze geht zurück. Auch weil Studien bewiesen haben wollen, dass vom sitzenden Fan weniger Gewalt ausgeht. England hat es vorgemacht, der Hooligan von der Insel tobt sich nur noch auf Reisen und vor den Stadien aus. Denn für die Premier League kann er sich den Eintritt nicht mehr leisten. Und doch bleiben die Fans, die Jahr für Jahr neue Rekordmarken garantieren, das größte Problem der fünften Dekade. Fast alle Klubs, so scheint es, haben den Bereich hinter den Toren kampflos an die "Ultras" abgegeben.

Sie sorgen für mehr Stimmung, das ist gut. Aber sie wollen auch Mitbestimmung und das ist problematisch. Der harte Kern der Bayern-Fans demonstriert 2011 mit Plakaten gegen den Transfer von Schalke-Torwart Manuel Neuer und sieht sich in der Position, Neuer Verhaltensmaßregeln auferlegen zu können. Fünf Punkte habe er zu beachten. Punkt fünf lautet: "nie das Bayern-Wappen auf dem Trikot küssen". Alles nur wegen seiner Vergangenheit als Schalke-Ultra. Neuer zeigt Mumm und trifft sich mit den Hardcore-Fans. Dann zeigt er weniger Mumm und nickt die Regeln ab. Um des lieben Frieden Willens.

Immer öfter nehmen die Ultras auch Einfluss auf den Spielverlauf. Sie wollen zwar nicht in einen Topf geworfen werden mit den "Pyromanen", aber noch ist jede Rakete aus ihren Blöcken gekommen. Das chaotische Ende der Saison 2011/12, als das Relegationsspiel in Düsseldorf wegen Raketen und Platzsturm feiernder Fans dreimal unterbrochen werden muss, ist das das I-Tüpfelchen auf eine Saison im Zeichen von Fanausschreitungen. Niemand kann mehr mit Anstand absteigen, in die zweite Liga geht es nur noch mit Gewalt – wie in Berlin 2010, Frankfurt 2011 oder Köln 2012. Ein Sicherheitsgipfel mit Vertretern aus Politik und Verbänden – aber ohne Fans – beschließt schärfere Maßnahmen insbesondere gegen die Pyromanen. Vergeblich scheint dabei die Hoffnung auf die "Selbstregulierungskräfte" der Fans. Die Hundertschaften, die das Spiel, das Millionen fasziniert, terrorisieren, halten zusammen. Sie sind organisiert, jeder weiß was er zu tun hat am Spieltag. Einmal in der Woche sind sie alle ganz wichtig und das wollen sie nicht missen.

Und dennoch, wer den Gründervätern vor 50 Jahren vorausgesagt hätte, dass anno 2012 das größte Problem der Bundesliga zu viel Begeisterung sein würde – sie hätten mit Sekt angestoßen. Der Bundesliga geht es beneidenswert gut. Der DFL-Jahresbericht 2012 ist ein Feuerwerk der Rekorde. Der Umsatz ist zum achten Mal in Folge gestiegen – auf 2,1 Milliarden Euro. Nur Englands Premier League steht umsatzseitig besser da als die Bundesliga. Aber die Engländer wissen eben auch, wie internationale Vermarktung geht. Dafür hat die Bundesliga weniger Schulden als die Ligen auf der Insel oder die in Spanien und Italien. Die Bundesliga ist die gesündeste Fußball-Liga der Welt und so scheint es zu bleiben: Das Fernsehen zahlt ab der Saison 2013/14 rund 50 % mehr für die TV-Rechte als in der vorigen Rechteperiode (628 Millionen Euro statt 412 Millionen Euro). Premiere-Nachfolger Sky (seit 2009/10) bringt gegen Gebühr alle Spiele in die Wohnstuben, auch die der Zweiten Bundesliga. Der Zuschauerschnitt liegt bei 44.293 Zuschauern, 20.000 mehr als in der Gründersaison, und natürlich erneut ein Rekord. Auch weil die Stadien viel Komfort bis hin zur Kinderkrippe bieten. Der Trend geht zum Event – und zum Eventpublikum.

Die Zuschauerzahlen sind aber schon lange kein Leistungsbarometer mehr; Köln steigt diverse Male ab, aber die Stadionauslastung beträgt deutlich über 90%. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert gibt 2012 den Mahner: „Es muss jedem klar sein, dass eine funktionierende und erfolgreiche Bundesliga kein Naturzustand ist."

Ist er nicht und sportlich ist die Bundesliga schon länger nicht mehr die stärkste Liga in Europa. Im Jahr 2012 muss festgestellt werden, dass der deutsche Fußball seit Kriegsende noch nie so lange auf einen internationalen Titel hat warten müssen – und vor dem Krieg gab es keinen Europacup. Seit elf Jahren, seit Bayerns Champions League-Triumph 2001, gibt es nur zweite Plätze – maximal. Im Mai 2012 fehlen dem FC Bayern gegen Chelsea London nur Zentimeter, fast hätten die Münchner selbst den Bann gebrochen. Stattdessen gibt es für den FCB im Jahr 2012 das Vize-Tripple aus Meisterschaft, Champions-League und DFB-Pokal.

Der Reiz der Bundesliga ist ihre Unberechenbarkeit. Seit über 40 Jahren gehen die Bayern als Favorit in jede Saison, aber immer öfter gewinnen die anderen. In Borussia Dortmund ist den Münchenern wieder ein ernsthafter Konkurrent erwachsen. Hat der FC Bayern von 1999/00 bis 2009/10 noch sieben der elf zu vergebenden Meisterschaften gewonnen, so treibt Jürgen Klopp den BVB 2011 und 2012 mit seiner täglich vorgelebten Begeisterung zu zwei Meisterschaften in Folge 37.

Abb. 2.5.1 Infografik by Ligalive. Bild von Imago Images, Infografik von Andjela Jankovic im Auftrag von Closelook Venture GmbH

Und auch die Saison 2008/09 hat etwas von einem Zwergenaufstand. In dem Jahr, als die Bayern ihr Glück mit WM-Sommermärchen-Trainer Jürgen Klinsmann versuchen und ins Unglück rennen, kommt alles anders. Wer prophezeit, dass Dorfklub 1899 Hoffenheim als Aufsteiger Herbstmeister wird und der VfL Wolfsburg Meister, ist ein Kandidat für eine Haarprobe. „Die Faszination der Liga liegt darin, dass jeder jeden schlagen kann", sagt Altmeister Otto Rehhagel schon 2001 und „sah sich noch oft bestätigt“. 2004 wird Werder Bremen Meister, 2007 durchbricht der VfB Stuttgart die Bayern-Phalanx. Fünf verschiedene Meister in neun Jahren – die Vertreter der Zementierungstheorie kommen (für eine kurze Zeit) in Beweisnot. Die großen Ligen in England, Spanien und Italien kommen auf jeweils drei im selben Zeitraum.

Aber natürlich gibt es eine Zweiklassengesellschaft, rein wirtschaftlich. Das fördert schon die Fernsehgeldverteilung nach Tabellenplätzen und die Ungleichbehandlung von Champions League-Teilnehmern und Europa League-Klubs. Die Reichen werden immer reicher, aber im Gegensatz zu früher sind die Ärmeren nicht mehr arm. DFL-Präsident Reinhard Rauball sagt 2012 mit Stolz: "Es gab in 49 Jahren Bundesliga keinen Verein, der während der laufenden Saison in Konkurs beziehungsweise in die Insolvenz gegangen ist." Auch ein Alleinstellungsmerkmal, zumindest im Konzert der Großen.

Der Hype um das Spiel mit dem Ball – fast jeden Tag eine Live-Übertragung – erzeugt immer mehr Druck, dem immer mehr Spieler und Trainer nicht gewachsen sind. Das gibt es zu allen Zeiten. 1985 bittet der Kaiserslauterer Norbert Eilenfeldt seinen Trainer, ihn in Heimspielen nicht mehr aufzustellen. Angst vor den eigenen Fans. Doch die fünfte Dekade wird vom Aussteiger-Phänomen regelrecht geprägt. Depressionen beenden 2007 die Karriere des Wunderknaben Sebastian Deisler, der nicht länger "Basti Fantasti" sein will. Er hat Millionen, aber keine Freude in sich. Und sie beenden im Herbst 2009 das Leben von Nationaltorwart Robert Enke. Seine Kameraden von Hannover 96 tragen bei der Trauerfeier den Sarg aufs Feld, aber die Last spüren sie noch monatelang. Sie verlieren neun Spiele in Folge, es gibt keinen Trauerbonus in der Bundesliga. Schalkes Trainer Ralf Rangnick steigt 2011 ganz unvermittelt aus: Diagnose Burnout. Wenig später versucht sich der Schiedsrichter Babak Rafati vor einem Spiel in Köln das Leben zu nehmen. Er wird gerettet – aber nicht mehr pfeifen.

Weitere, weniger prominente Fälle werden bekannt, aber das Geschäft ändert sich nicht. Der Rekord an Trainerrauswürfen aus dem Jahr 2003/04 (14) wird schon im Jahr eins nach Enkes Freitod eingestellt. Der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger formuliert in seiner Trauerrede anlässlich des Begräbnisses von Robert Enke: "Fußball ist nicht alles!" Das hätte 1963 noch jeder verstanden.

Fünfte Dekade — Infografik
Infografik by Ligalive. Bild: Imago Images, Infografik: Andjela Jankovic / Closelook Venture GmbH
Fünfte Dekade — Infografik. Foto: Imago Images
Borussia Dortmund gewinnt die Meisterschaft
Foto: Imago Images / Uwe Kraft
Borussia Dortmund gewinnt die Meisterschaft. Foto: Imago Images

Häufig gestellte Fragen

Was geschah in der fünften Dekade?
2003–2013: Die WM 2006 in Deutschland als Stadion-Modernisierungswelle, Klopps BVB-Revolution (Meister 2011 und 2012), Bayerns Drama im Champions-League-Finale 2012 daheim gegen Chelsea.
Was war Klopps Gegenpressing?
Jürgen Klopp machte Borussia Dortmund mit einer intensiven Gegenpressing-Taktik zum Meister — schnelles Umschaltspiel und extremes Anlaufverhalten nach Ballverlust. Dieser Stil beeinflusste den gesamten europäischen Fußball.