Vierte Dekade
1993–2002: Bosman-Urteil, FC Hollywood und Dortmunds CL-Triumph
Das Tor hat er wieder einmal nicht getroffen, doch nach seiner Auswechslung ist Jürgen Klinsmann umso zielsicherer. Mit Schwung tritt er ein Loch in eine mannshohe Werbetonne des japanischen Batterieherstellers, die sich keineswegs zufällig am Spielfeldrand befindet. Anschließend gestikuliert er wild mit den Händen und macht das "Finito"-Zeichen. Zum letzten Mal hast du mich ausgewechselt, will er Trainer Giovanni Trapattoni damit signalisieren. Der FC Hollywood, wie Bayern München an jenem Mai-Tag 1997 längst genannt wird, liefert wieder mal Stoff für die Klatschspalten. Der legendäre Wutausbruch, der der Firma so viel Aufmerksamkeit einbringt, dass sie sich bei Klinsmann mit einem Präsentkorb voller Batterien bedankt, passt in die Zeit. Wenn schon der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft offen gegen seinen Trainer meutert, weiß man, was das für Tage sind. Tage des Aufruhrs.
Geschürt und gewollt von den immer zahlreicher werdenden Medien, aber auch von den Spielern. Mächtiger sind sie nie gewesen, seit sie ein gewisser Jean-Marc Bosman im Dezember 1995 von den Ketten des alten Transferrechts befreit hat. Seit jenem Urteilsspruch von Brüssel dürfen Vereine in Europa keine Ablösesummen mehr fordern, wenn Verträge auslaufen, außerdem fällt die Ausländer-Beschränkung für EU-Bürger.
Die freiwerdenden Summen fließen in die Taschen der Spieler und ihrer sich stets vermehrenden Berater. Die verdienen vor allen Dingen an Transfers. Nicht immer ist das der Hintergrund für Zwistigkeiten mit Trainern und Vorstand, aber immer steht er zu vermuten. Und immer wissen die Spieler, dass sie nicht verlieren können, der nächste Verein kommt bestimmt. Ihre Berater sorgen derweil dafür, dass die Öffentlichkeit auf ihrer Seite ist.
Die Trainer sind die Dummen in den Neunzigern: Erich Ribbeck will Bernd Schuster in Leverkusen aussortieren, doch der setzt sich trotzdem demonstrativ auf die Bank und klagt sich als Erster ins Training ein. Jupp Heynckes verordnet in Frankfurt Straftraining für seine lauffaulen Stars Gaudino, Yeboah und Okocha, daraufhin schwänzen die das nächste Spiel. Heynckes wirft später hin, die Spieler kommen zurück und werden gefeiert. Ciriaco Sforza maßregelt 1. FC Kaiserslauterns Trainer Otto Rehhagel, der seit 1998 nach der in der Bundesliga einmaligen Meisterschaft eines Aufsteigers eigentlich unter Denkmalschutz stehen sollte, öffentlich. „Die Zeit von Befehl und Gehorsam ist vorbei", sagt der FCK-Kapitän und erläutert seine Ansichten auch ungeniert im ZDF-Sportstudio. Man schließt Burgfrieden, die Abfindung wäre zu teuer. Jörg Berger wiederum muss gehen, als Schalkes Spieler geschlossen meutern. In Mannschaftsstärke erklären sie danach im SAT 1-Studio das Wie und Warum. Die Trainer verspüren nur noch Ohnmacht, die sie immer öfter aus der Bahn wirft – oder dem Bus. Bielefelds Ernst Middendorp lässt sich 1998 aus Verärgerung über ein Interview von Kapitän Stefan Kuntz an einer Raststätte bei Hamburg absetzen. Mit so einem wolle er nicht die gleiche Luft atmen. Also fährt er mit dem Taxi heim. Was sagt der Vorstand? "Die 220 Mark muss er selbst bezahlen." Middendorp erklärt Kuntz bis Saisonende für "Luft", setzt ihn aber jede Woche ein.
Die Liste ließe sich fortführen. Seitenlang. Auch Geldstrafen schocken die Spieler kaum noch. Nachdem 20 Jahre zuvor selbst Top-Spieler (mit einigen Ausnahmen) von dem Geld, welches sie als Profi verdient haben, nicht bis zum Lebensende "sorgenfrei" leben können, aber vielfach ohne Ausbildung und Beruf dastehen, werden nun selbst mittelmäßige Profis Millionäre nach ein paar Jahren als Profi. Gibt es 1994 nur 30 Gehalts-Millionäre, sind es 1996 schon 86 Profis, die ein Jahresgehalt von mehr als 1.0 Mio. DM verdienen. Um die Jahrtausendwende hat es den Anschein, dass es nur noch Millionäre gibt. „Die Bundesliga fährt gegen die Wand", warnt DFB-Vize-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder angesichts der Personalkostenexplosion und den sich im Schnitt zwischen 1990 und 2000 versiebenfachenden Spielergehältern. Am 12. Dezember 2001 druckt die Bild-Zeitung den Gehaltsscheck von Stürmer Fredi Bobic, einst Europameister, in jenen Tagen nur Bankdrücker in Dortmund, ab. Für den September werden ihm 325.575,45 D-Mark überwiesen. Spitzenverdiener ist er damit nicht, die Liga züchtet Großgrundbesitzer en masse. „Wir sind an der Decke angelangt", sagt Leverkusens Manager Reiner Calmund.
„Die Gehälter sind für den normalen Fan nicht mehr nachvollziehbar", sagt der Kicker-Chefredakteur in der sonntäglichen Diskussionsrunde im Deutschen Sportfernsehen – einem weiteren Privatsender, der auf der Welle mitschwimmt, die die Bundesliga Woche für Woche macht. Solange der Erfolg da ist, halten die Fans still. Aber immer öfter kriegen Verlierer zu hören, dass sie "Scheiß Millionäre" seien. Busse werden blockiert, Steine fliegen. Klassische Fan-Liebe aus der guten alten Zeit ist das nicht mehr.
1996 erlebt der deutsche Fußball ein Zwischenhoch: die Nationalmannschaft wird Europameister, Bayern München holt den UEFA-Pokal. Im Folgejahr kocht der Pott: Borussia Dortmund, unter Ottmar Hitzfeld zweimal in Folge Meister geworden, gewinnt die Champions League, Schalke 04 den UEFA-Pokal. Danach geht es bergab. Zunächst mit der Nationalmannschaft, die unter Nachwuchsmangel und dem Bosman-Urteil zu leiden hat. Der Ausländeranteil der Liga steigt von 21,1 Prozent (1994/95) auf 55,3 % (2002/03). Die Bundestrainer haben nicht mehr die Qual der Wahl, sondern der Nicht-Wahl. In ihrer Not machen sie Reservisten und Zweitligaspieler glücklich, Erich Ribbeck holt vor der EM 2000 den 39-jährigen Bundesliga-Aussteiger Lothar Matthäus aus New York zurück. Das Vorrunden-Aus verblüfft nur Laien. Dass unter Rudi Völler die Nationalmannschaft 2002 Vize-Weltmeister wird, gilt bis heute als großes Fußball-Wunder. Gleich nach Bern. Danach wird weitergerumpelt, gegen die Zwerge aus Färöer fallen die Siegtore erst in der Nachspielzeit. Ein Zeitreisender aus dem Jahre 1963 würde über vieles den Kopf schütteln.
Die Kicker sind Schauspieler; einige färben sich die Haare, Stefan Effenberg lässt sich einen Tigerkopf in den Nacken pinseln. Torjubel wird in eingeübten Posen zelebriert, bei vermeintlich falschen Pfiffen entsteht sogleich eine Rudelbildung. Alles im Bewusstsein, dass erlaubt ist, was gefällt oder zumindest nicht unter Strafe steht. Aber es gibt nun auch Dinge, die den Fans mit Sicherheit nie gefallen werden. Dem Fernsehen zu Liebe wird der Spieltag zerfleddert. Freitag ein Spiel, Samstag sechs, Sonntag zwei. Samstag wird ab 2000/01 auch abends gespielt, Bayern – Hertha ist das erste 20.15-Uhr-Spiel. Es sind fanfeindliche Anstoßzeiten, im Februar 2001 kommt es zu Demonstrationen in allen Stadien: "Samstags 15:30 – sonst nix!", steht auf den Plakaten und Bild fragt besorgt: "Erkaltet die Liebe der Fans?"
Die Frage geht mittlerweile auch an die Deutsche Fußball Liga, die im Dezember 2000 gegründet wird. Die Bundesligisten wollen Eigenständigkeit, sprich vor allem sich selbst vermarkten, wo der Markt doch jetzt so reizvoll ist. Die erste Übung der DFL ist ein Spagat – zwischen Fans und Fernsehen. Geld bringen sie beide, doch die Zuschauereinnahmen machen um 2000 nur noch ein Fünftel aus. 1999/00 sind auch die Werbeeinnahmen der Bundesligisten erstmals höher als die Erlöse durch Tickets. Und bekommt der Fan am Bildschirm nicht allerhand geboten? Ab 2000/01 kommen alle Spiele live. Im Pay-TV, mit der "Einzeloption" kann jeder auf jedem Platz dabei sein. Nur dumm, dass sich das Modell nicht rechnet: "Premiere" hat zu wenig Kunden. Im April 2002 stürzt die Pleite von Medien-Partner Kirch, an dessen Tropf "Premiere" hängt, die Liga in die nächste Krise. Denn dummerweise ist der Vertrag von keinerlei Bürgschaften gedeckt. Ein Viertel der TV-Gelder bleibt aus, Spieler müssen Gehaltseinbußen in Kauf nehmen. Bayern-Vize Karl-Heinz Rummenigge erkennt: „Die Goldgräber-Stimmung ist vorbei, die Liga muss den Rotstift ansetzen."
Sie übersteht es ebenso wie den Imageschaden, der ihr im Oktober 2000 entsteht. Die Daum-Affäre. Die Geschichte um den Mann, der um ein Haar Bundestrainer geworden wäre – ein gern gebrauchtes Bonmot in jenen Tagen – sich dann aber mit einer Haarprobe selbst zu Fall bringt, sorgt für viel Aufruhr. Obwohl Bayern München in einem der größten Meisterschaftsdramen überhaupt 2001 den dritten Meister-Hattrick schafft und vier Tage danach Champions League-Sieger wird, würde Uli Hoeneß die komplette Saison 2000/01 sicher gern ungeschehen machen. In einem Satz voller Konjunktive hat er im Herbst die Affäre ausgelöst. Darin stellt er Daums Befähigung zum Bundestrainer in Frage, sofern die Gerüchte um dessen Kokain-Genuss denn stimmten. Das macht ihn zum Ankläger wider Willen. Er erhält Morddrohungen und benötigt Leibwächter bei Auswärtsspielen. Aber er wird Recht bekommen – und der überführte Daum flieht wie in einem schlechten Krimi über Nacht nach Florida. Von allen Triumphen im Leben des Uli Hoeneß ist der Triumph über seinen Erzfeind sicher der entbehrlichste.
Und noch etwas ereignet sich im Oktober 2000. Am 31. Oktober 2000 wird die BVB-Aktie zum ersten Mal an der Börse gehandelt. Zu elf Euro wird sie emittiert und spült dem BVB rund 130 Millionen Euro in die Kasse. Die Euphorie ist groß, bei Fans, Verein und Aktionären — aber nur kurz. Bereits am ersten Tag schließt die Aktie knapp 8,5 Prozent tiefer. Einen Kurs von 11 Euro sieht die Aktie bis zum 31.12.2019 nie wieder. „Damals galt die Devise ‚Geld schießt Tore‘ noch viel mehr als heute. Durch den Börsengang waren die Kassen voll für große Transfers", erklärt Alexander Langhorst von GSC Research gegenüber Business Insider die damalige Mentalität des Managements36. Der durch das Börsengeld induzierte Erfolg des BVB bleibt zunächst: 2002 wird der BVB erneut Deutscher Meister — trotzdem notiert die BVB-Aktie zu dem Zeitpunkt bereits knapp 50 Prozent unter dem Ausgabepreis von 11 Euro. Und der sportliche Erfolg ist auch nur kurzfristig. Im Jahr 2005 hat der Verein bereits über 100 Millionen Euro Schulden. Die Insolvenz droht.
