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Dritte Dekade

1983–1992: Werder Bremen, Stuttgart 92 und die Wiedervereinigung

Präsident Willi O. Hoffmann legt eine gehörige Portion Pathos in die Stimme. Es ist ja schließlich ein großer Moment für seinen FC Bayern: „Für berühmte Deutsche wie Karl und Otto dem Großen oder Goethe hat Italien schon immer eine magische Anziehungskraft gehabt. Nun also zieht ein weiterer Kaiser über die Alpen, um sich dort krönen zulassen, unser Karl-Heinz Rummenigge." Im Mai 1984 verkaufen die Bayern ihren besten Stürmer seit Gerd Müller, er ist erst 28 Jahre alt. Kaiser ist er nie gewesen, aber immerhin Torschützenkönig – und Kapitän der Nationalmannschaft. Gern lassen ihn die Münchner nicht ziehen, aber für 11,2 Millionen D-Mark vergessen sie alle Sentimentalitäten. Die Chance, endlich schuldenfrei zu sein, lässt sich "Jung-Manager" Uli Hoeneß nicht entgehen.

Die Bundesliga in den frühen Achtzigern steckt in der Krise. Irgendwer hat den Stecker gezogen, der Reiz des Neuen ist verflogen und der Ball rollt in die falsche Richtung. Die Leistungen stagnieren, bestenfalls. „In der Bundesliga ist zu viel Schrott, da muss ausgemistet werden", sagt Franz Beckenbauer, seit 1984 Teamchef der Nationalmannschaft vor der WM 1986 in einer Wutrede und fordert eine Reduzierung auf 14 bis 16 Klubs. Er sieht auch ein Nachwuchs-Problem, es sei „keiner da, um die Lücken zu schließen", grollt der Kaiser. Lücken, die durch die Abwanderung der Stars gen Süden entstehen. Vor Rummenigge sind schon Hansi Müller und Hans-Peter Briegel Wahl-Italiener geworden – und das ist erst der Anfang. 1989 spielen allein bei Inter Mailand drei Deutsche: Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann und Andreas Brehme. Schon vorher kriselt es gewaltig.

Fakt ist: während 1980 noch vier Klubs im Halbfinale des UEFA-Pokals stehen, kommt 1983 keiner mehr über den Winter – und das in allen drei Europapokal- Wettbewerben. Und die Nationalmannschaft freut sich über ein 2:1 gegen zehn Albaner, welches die EM-Teilnahme im letzten Moment sichert. In Frankreich scheidet sie 1984 in der Vorrunde aus, ein Novum. Fünf Jahre gibt es keinen Titel im Europapokal, bis Bayer Leverkusen zumindest den UEFA-Cup holt (1988). Zu allem Übel streut Nationaltorwart Toni Schumacher in seinem Buch "Anpfiff" Doping-Gerüchte, die ihn seine Karriere im DFB-Tor kosten. Dennoch führt der Verband 1987/88 Doping-Kontrollen ein.

Ernste Krisensymptome überall: Einnahmen und Ausgaben stehen in einem äußerst ungesunden Verhältnis zueinander. Denn während die Spielergehälter rasant steigen (Bremens Rudi Völler ist 1986 einer der ersten Gehalts-Millionäre), brechen die Zuschauerzahlen auf ganzer Linie ein, sieben Mal in Folge gehen sie bis 1986 zurück. Wenn selbst Serienmeister FC Bayern, der 1985-87 seinen zweiten Hattrick schafft, im Winter vor 9.000 Zuschauern spielt, was sollen da erst die Kleinen sagen?

Der DFB wirft einen, aber nicht den, Rettungsanker: 1986/87 gibt es erstmals eine lange Winterpause – elf Wochen. Die pfiffigen Ideen von der Basis treffen dagegen auf Widerstand in der Verbands-Zentrale. Braunschweigs Präsident Günter Mast, der schon die Trikotwerbung durchgesetzt hat, will die Eintracht im Dezember 1983 umbenennen in "Jägermeister Braunschweig". Dafür garantiert er Schuldenfreiheit. Die Mitglieder stimmen begeistert zu, der DFB interveniert und ändert seine Satzung. Umbenennungen zu Werbezwecken sind nun ausdrücklich verboten. „Dann hätten wir ja bald Ford Köln und Backpulver Bielefeld auf dem Spielfeld", sagt Präsident Hermann Neuberger. Der Fall geht vor die Gerichte, aber als Mast im November 1986 doch gewinnt, ist er kein Präsident und Eintracht Braunschweig kein Bundesligist mehr.

Bayerns Uli Hoeneß bietet 1988 eine Torausfall-Entschädigung: gewinnt Bayern gegen Kickers Stuttgart niedriger als 3:0, sollen die Fans das Geld zurück und die Spieler keine Prämie erhalten. Die Kickers fühlen sich diskriminiert, der DFB verbietet die Aktion. Auch die Kondom-Werbung des FC Homburg 1987/88 provoziert das Veto des Verbands, doch die Saarländer ziehen vors Landgericht Frankfurt, das festhält, Kondom-Werbung widerspreche "weder gegen Sitte noch Moral".

Werder-Manager Willi Lemke verkauft im März 1989 ein Heimspiel des Meisters von 1987/88 gegen den Vorletzten Waldhof an Citroen. Dafür darf der Auto-Hersteller exklusiv im Stadion werben. Da der Eintritt nur drei bis acht Mark kostet, ist die Hütte voll. 37.204 Zuschauer kommen zum ersten völlig legal verkauften Bundesligaspiel. Werder freut sich über Mehreinnahmen von 50.000 DM.

Und doch sind sich 1989 alle einig: die Bundesliga hat in dieser Form keine Zukunft. Was Uli Hoeneß in einem Interview anregt („Ich würde zunächst die Liga reduzieren, um jeden Preis, und dann einmal abwarten"), setzt der DFB im April 1990 in die Tat um. Auf dem Bundestag wird die Reduzierung auf 16 Mannschaften beschlossen. Aber dazu wird es nie kommen.

Der größte Glücksfall der neueren deutschen Geschichte, Günter Schabowskis erteilte Reiseerlaubnis für DDR-Bürger im November 1989, führt letztlich zum Fall der Mauer und zur deutschen Einheit. Und da das Land nun wieder größer wird, kann die Bundesliga schlecht kleiner werden: die DDR-Klubs, die 1990/91 ein letztes Mal ihren Meister ausspielen, obwohl es Honeckers Republik nicht mehr gibt, erhalten zwei Startplätze. Somit hat die Bundesliga 1991/92 XXL-Format: ein Jahr spielt sie mit 20 Klubs.

Die Euphorie jener Tage schlägt sich auch auf ihre Attraktivität nieder. Neue Vereine, neue Spieler, ein völlig neues Zuschauerpotenzial – plötzlich boomt die Liga wieder. Anfangs erhalten DDR-Bürger noch freien Eintritt und so sehen im Dezember 1989 10.000 Bürger aus Gera ein mehr oder weniger packendes 0:0 zwischen Nürnberg und 1. FC Kaiserslautern. Keine Tore für keinen Eintritt, ein seltsames Geschäft.

Abb. 2.4.1 Infografik by Ligalive. Bild von Imago Images, Infografik von Andjela Jankovic im Auftrag von Closelook Venture GmbH

Zwei weitere Faktoren beschleunigen den Boom: der Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 in Italien und der Einzug des Privatfernsehens in deutsche Wohnstuben. 1988/89 geht RTL mit "Anpfiff" am Samstagabend auf Sendung. Die heilige ARD-Sportschau, die seit 1965 Samstag für Samstag mit drei Spielen aufwartet, zeigt keinen Fußball mehr. Aber die Kohle stimmt: 135 Millionen DM erlöst der DFB aus dem neuen Fernsehvertrag. Schon 1989 ist die ARD wieder mit im Boot, nun senden Sportschau (18 Uhr) und Anpfiff (18.15 Uhr) gegeneinander. Eine Rivalität auf Kosten des Zuschauers, der so manches Tor verpasst, wenn er gerade auf dem falschen Sender ist. „Die jetzige Regelung ist zuschauerfeindlich. Wer RTL plus nicht empfangen kann, muss sich mit Schmalkost begnügen", sagt Karl-Heinz Rummenigge.

Finanziell ist es die Wende zum Guten für die Bundesliga. Am 2. März 1991 überträgt der neue Pay-TV-Sender Premiere das Spiel Eintracht Frankfurt - 1. FC Kaiserslautern in voller Länge, es ist der nächste Meilenstein. Zigtausende versammeln sich nun an Samstagen in Kneipen, um das Top-Spiel der Woche zu sehen, denn Decoder kaufen zunächst fast nur Gastwirte. 1992/93 übernimmt dann SAT1 handstreichartig die Fußball-Rechte, auf Plakaten spricht der Sender von "Revolution in der Bundesliga". Jeden Abend gibt es eine Sendung mit Randgeschichten „und wenn nix los ist, macht ihr eben was los", sagt Sportchef Reinhold Beckmann der Crew. Samstag ist dann bei "ranissimo" der Teufel los. Johlendes Studio-Publikum sorgt für Stimmung. Der Fußball geht nun auch im Fernsehen auf dem Boulevard spazieren. Die Sorge, dass mehr Fernsehen weniger Stadionbesucher bedeutet, erweist sich als unbegründet. „Rekorde, Rekorde: Die Liga boomt!", schreibt der Kicker im August 1992. Damals freut man sich noch über 6.285 verkaufte Dauerkarten pro Verein. 1991/92 fällt der 14 Jahre alte Zuschauerrekord, erstmals kommen über acht Millionen in die Stadien. Und so wird es weitergehen. Denn nicht nur die Verpackung stimmt, auch der Inhalt ist sehenswert. Für Unterhaltung ist gesorgt in Zeiten, in denen sich ein Christoph Daum die Hörner abstößt. Kölns Jung-Trainer schreibt noch vor der TV-Revolution Fernsehgeschichte, als er sich im Mai 1989 im ZDF mit Bayern-Manager Uli Hoeneß einen offenen Schlagabtausch liefert. Vorgeplänkel für das Finale um die Meisterschaft, das die Bayern gewinnen. Während Werder Bremen immerhin zweimal (1988, 1993) ein Duell gegen den seit 1987 als Rekordmeister amtierenden Liga-Primus gewinnt, scheitert Kölns Großangriff. Daum lässt das nicht ruhen: 1992 führt er den VfB Stuttgart im dramatischsten Finale aller Zeiten zur Meisterschaft. Eintracht Frankfurt gehört zu den Verlierern, der Spieler Ralf Weber tritt im Frust eine Kamera kaputt. Ziemlich undankbar gegenüber dem neuen Heilsbringer des Fußballs.

Ein weiterer Verlierer: Der ehemalige DDR-Fußball. Weder Hansa Rostock noch Dynamo Dresden, der FC Magdeburg, Lok Leipzig und schon gar nicht der BFC Dynamo können sich (dauerhaft) in der Bundesliga etablieren. In der Saison 1991/92 steigt Hansa Rostock ab, Dynamo Dresden schafft den Klassenerhalt und bleibt zunächst das einzige Team aus den neuen Bundesländern in der Bundesliga. Die ehemaligen Ost-Stars wie Sammer, Kirsten und Thom spielen derweil im Westen der Republik.

Dritte Dekade — Infografik
Infografik by Ligalive. Bild: Imago Images, Infografik: Andjela Jankovic / Closelook Venture GmbH
Dritte Dekade — Infografik. Foto: Imago Images
VfB Stuttgart feiert die Deutsche Meisterschaft 1991/92
Foto: Imago Images / Sven Simon
VfB Stuttgart feiert die Deutsche Meisterschaft 1991/92. Foto: Imago Images

Häufig gestellte Fragen

Was geschah in der dritten Dekade?
1983–1993: Die Ära der Bayern-Dominanz unter Udo Lattek, der Aufstieg von Werder Bremen als Gegengewicht, Stuttgarts Meisterschaft 1992 und die ersten Auswirkungen der Wiedervereinigung auf den deutschen Fußball.
Wie wirkte sich die Wiedervereinigung auf die Bundesliga aus?
Nach 1990 traten ostdeutsche Vereine der Bundesliga bei. Hansa Rostock und Dynamo Dresden spielten kurzzeitig erstklassig, konnten sich aber langfristig nicht halten. RB Leipzig wurde später der erste ostdeutsche Verein mit Meisterschaftsambitionen.