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Zweite Dekade

1973–1982: Gladbach vs. Bayern, HSV-Dominanz und Europapokal-Glanz

Vor jedem Heimspiel von Werder Bremen geht Rudi Assauer immer noch mal schnell an die Würstchenbude. Die Bratwurst vor dem Spiel, von Ernährungswissenschaftlern auch damals ausdrücklich nicht empfohlen, ist sein festes Ritual in der Saison 1976/77. Als er es einmal vergisst, verliert Werder Bremen prompt. So ist die Legende. Der Fußball der zweiten Bundesliga-Dekade hat noch immer etwas Ursprüngliches. Er ist keine Wissenschaft, schon aus technischen Gründen. Ohne Videorekorder keine Videoanalysen, ohne Computer keine Computeranalysen. Und so gibt es noch Geheimnisse. Als Arminia Bielefeld das Darmstädter Stadion nicht findet, gabeln sie einen 14-jährigen Fan von einer Haltestelle auf und nehmen ihn im Bus mit. Im Austausch gegen Autogramme zeigt er ihnen den Weg.

Die Trainer sind noch Einzelkämpfer, weshalb sich Autorität empfiehlt, Assistenten sind zunächst noch eher Luxus. Mentaltrainer hat niemand, aber man hat Maskottchen oder Marotten. In Köln steht Geißbock Hennes auf der Laufbahn des Stadions, in Bremen Heidschnucke "Pico", Eintracht Frankfurt glaubt fest an einen Esel namens "Stöffche", Rot-Weiß Essen an Pony "Magnus". Beim HSV gibt es so was nicht, vielleicht wegen des Hamburger Schietwetters. Aber drei Jahre lang halten sich die Hanseaten einen Teddybären aus Berlin in der Kabine, dann wird er geklaut. Erlaubt ist, was Glück bringt. Und so gehen die Spieler von Borussia Mönchengladbach im Trainingslager vor einem Spiel immer eine bestimmte Strecke durch den Wald, fassen einen Holzstab an, der dort nur auf sie zu warten scheint, und machen kehrt. Mythos Bundesliga aus der zweiten Dekade. Überbleibsel aus der alten Zeit.

Aber die neue ist nicht aufzuhalten. Die Bundesliga wird professioneller, denn es ist immer mehr Geld im Spiel.

Abb. 2.3.1 Infografik by Ligalive. Bild von Imago Images, Infografik von Andjela Jankovic im Auftrag von Closelook Venture GmbH

Die Beschränkungen von Gehalt und Ablösesummen fallen Anfang der Siebziger, Stück für Stück muss der DFB sein Ideal vom Hochleistungsamateur aufgeben. Gerd Müller verdient 1977 bei den Bayern 500.000 DM im Jahr. Karl-Heinz Rummenigge erinnert sich in einem Interview mit dem Münchner Merkur an sein Einstiegssalär als Spieler. „Ich konnte – mit Prämien und wenn ich eine bestimmte Anzahl an Spielen absolviert habe – auf 150.000 Mark kommen. Das war wahnsinnig viel Geld damals und eine hohe Motivation, Profi zu werden", und verrät, dass Franz Beckenbauer der bestbezahlte Fußballer der Bayern-Klubgeschichte sei, wenn man Umsatz des Vereins und ein einzelnes Spielergehalt in Relation setzen würde34. Rummenigge erklärt: „Er (Franz Beckenbauer) hat schon in den 70-er Jahren siebenstellig verdient, als wir (FC Bayern München) einen Umsatz (im Verein) von zehn, elf Millionen Mark hatten"35.

Woher kommt das Geld? Durch das Fernsehen, das 1974 schon das Siebenfache im Vergleich zu 1966 zahlt (4,4 Millionen D-Mark) und durch die Werbung. Als Braunschweigs Mäzen Günter Mast mit Tricks und Raffinesse im März 1973 seine "Schnapsidee" durchsetzt und das Jägermeister-Logo auf der Brust des Eintracht-Trikots platziert, brechen alle Dämme. Mast gibt zu, dass er nur aufs Geschäft aus sei: „Ich war 32 Jahre bei keinem Spiel, aber jetzt muss ich doch mal hingehen zu meinen Eintrachtlern." Die begrüßen ihn mit offenen Armen und machen ihn alsbald zum Präsidenten, bringt er doch auf einen Schlag 500.000 DM mit. Ab 1975/76 läuft niemand mehr "oben ohne" auf.

Hinzu kommt der Glücksfall, 1974 eine Weltmeisterschaft austragen zu dürfen. Plötzlich hat die halbe Bundesliga Stadien mit mehr als 60.000 Plätzen. Und als die Folgen des Skandals, dessen zähe Aufarbeitung alle Zeitgenossen ermüdet – im Januar 1976 werden die letzten Urteile gegen Schalkes Meineid-Sünder gesprochen – allmählich überwunden sind, werden sie auch wieder voller. Zumal viel geboten wird: die Liga hat die besten Spieler der Welt unter ihrem Dach; der Europameister 1972 wird auch Weltmeister 1974. Und bis auf Paul Breitner, der Günter Netzer nach Madrid folgt, bleiben sie (fast) alle im Lande. Die Bayern-Mannschaft jener Epoche ist das Nonplusultra in Deutschland: nach ihrem Meister-Hattrick (1972-74) glückt ihr der Hattrick im Europapokal der Landesmeister (1974-76).

Die Fans können sich in jener Dekade darauf verlassen: fast jedes Jahr ein Europapokal-Finale, manchmal auch zwei oder drei deutsche Teams in den Finalspieln (wie 1980). Borussia Mönchengladbach, die nach Bayern ebenfalls einen Meister-Hattrick (1975-77) schaffen, gewinnt 1975 und 1979 den UEFA-Pokal, 1980 schlägt Eintracht Frankfurt die Gladbacher in einem deutschen Finale. Und noch mehr: die Bundesliga stellt alle vier Halbfinalisten. Der HSV, angetrieben vom Publicity süchtigen Manager Dr. Peter Krohn, der eher als andere begreift, dass Fußball auch Show-Geschäft ist, holt 1977 den Europapokal der Pokalsieger – und 1983 den Landesmeister-Cup.

Die Bundesliga gilt, auch aufgrund des 1980 gewonnenen Europameister-Titels als die beste Liga der Welt. Das reizt auch Spieler aus dem Ausland. In der allerersten Saison (1963/64) kommen nur vier zum Einsatz, 1978/79 sind es schon 27 (nur der VfL Bochum verzichtet damals völlig auf Legionäre). Viel mehr geht nicht, denn der DFB erlaubt nur zwei Ausländer pro Klub und eine Lex Bosman gibt es noch nicht.

Aber oft genug machen sie den Unterschied. Köln gönnt sich mit dem Belgier Roger van Gool 1976 den ersten Millionen-Transfer (1,1 Millionen DM), im zweiten Jahr werden die Rheinländer mit ihm Meister und Pokalsieger. Auch dank der Tore des ersten Bundesliga-Japaners Yasuhiko Okudera. Der spektakulärste Import ist der von Kevin Keegan, den sich der HSV 1977 für 2,5 Millionen DM aus Liverpool angelt. Auch Keegan braucht seine Eingewöhnungszeit und sitzt im September 1978 deprimiert im Büro von Manager Netzer. Seine legendäre Forderung "use me or sell me" hat Folgen. Der HSV lernt ihn zu nutzen, der gestrenge Trainer Branko Zebec und sein Star finden zusammen – und der HSV wird 1979 erstmals Bundesliga-Meister. Vor lauter Freude singt Keegan sogar ein Lied, das es in die Charts schafft. Fußball und Show spielen immer besser Doppelpass. Die großen Meister-Trainer der Siebziger, Udo Lattek und Hennes Weisweiler, bilden bei "Dalli-Dalli" ein Rateteam. Bayern-Kollege Dettmar Cramer lässt sich als Napoleon ablichten, nur Sepp Maier fängt lieber Enten. Paul Breitner lässt sich 1979 für einen Film auf dem Platz sogar verkabeln.

Die Hamburger jedenfalls werden zur dritten Super-Macht der Liga, bis 1984 spielen sie stets um den Titel mit. Weniger dank ausländischer Spieler, Keegan geht 1980 wieder, mehr dank ausländischer Trainer. Auf den fachlich brillanten Jugoslawen Branko Zebec, der 1980 in Dortmund alkoholisiert auf der Bank sitzt, kommt 1981 der grantige Österreicher Ernst Happel. Beim ersten Training soll er den Spielern nur einen Satz gesagt haben: „I will koan stehn sehen" – und sie rennen, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Der HSV wird 1982 und 1983 Meister, verliert 36-mal in Folge nicht (Rekord bis heute) und beendet die erfolgreiche „Breitnigge-Ära", die den Bayern mit ihren Weltstars Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge nach sechs national dürren Jahren 1980 und 1981 wieder die Meisterschaft einbringt. Der Liga wird eine neue Rivalität geboren, nun heißt es fünf Jahre lang "Bayern oder HSV".

In der Zeit, als Paul Breitner ein zweites Mal in München spielt (1978-83), entdeckt der Profi seine Macht. Im März 1979 schaffen es die Bayern bis in die Abend-Nachrichten, weil die Spieler geschlossen mit 16:0 Stimmen gegen die Verpflichtung von Trainer-Zampano Max Merkel eintreten und damit Präsident Wilhelm Neudecker zum Rücktritt treiben. Der rast morgens um neun in die Kabine, um gleich wieder zu gehen: "Mit einem solchen Kapitän und dieser Mannschaft kann ich nicht weiter zusammenarbeiten. Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien alles Gute. Auf Wiedersehen." Uli Hoeneß, gerade 27, nutzt die Wirren jener Tage und wird jüngster Bundesligamanager aller Zeiten, übrigens nur weil Bremens Rudi Assauer absagt. „Zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Fußballs hatten ein paar Spieler einen ganzen Klub übernommen", ist später in einem Bayern-Buch zu lesen.

Auch die Fans entdecken in jener Dekade ihre Identität. Vorbei die Zeit, als Mann mit Mantel, Hut und Regenschirm ins Stadion geht. Immer mehr Anhänger zeigen ihre Liebe offen, es gibt überall Kuttenträger und Fahnenschwenker. Die Atmosphäre in den Stadien ändert sich, optisch wie akustisch.

Nachfrage erfordert Handel, der Fanartikelverkauf wird zum vierten Standbein für die Vereine. Fan-Klubs entstehen, aus England kommt die Idee. Die neue Fan-Kultur hat nicht nur Gutes: 1982 gibt es den ersten Toten, HSV-Hooligans werfen einem 16-jährigen Bremer einen Stein an den Kopf. 1979 kommt es bei der Meisterfeier des HSV zu schrecklichen Szenen: 71 Verletzte zieht der Sturm der Massen aufs Feld nach sich, ein Rettungshubschrauber landet auf dem Platz. Und 1976 gibt es in 1. FC Kaiserslautern den ersten Spielabbruch wegen Gewalt von außen. Noch steht man dem ratlos gegenüber. Der Vorschlag eines Aachener Professors wird jedenfalls nicht weiterverfolgt. Er findet, in Stadien sollen künftig Wurfbuden und "Haut-den-Lukas"-Anlagen stehen, zum Aggressionsabbau.

Zweite Dekade — Infografik
Infografik by Ligalive. Bild: Imago Images, Infografik: Andjela Jankovic / Closelook Venture GmbH
Zweite Dekade — Infografik. Foto: Imago Images
Die goldenen 70er und 80er
Foto: Imago Images / Kicker / Eissner
Die goldenen 70er und 80er. Foto: Imago Images

Häufig gestellte Fragen

Was prägte die zweite Dekade der Bundesliga?
Die Jahre 1973–1983 gehörten Gladbachs Fohlenelf unter Hennes Weisweiler und Udo Lattek, dem Hamburger SV mit Kevin Keegan und Franz Beckenbauers Rückkehr. Die Bundesliga etablierte sich als eine der besten Ligen Europas.
Wer war die Fohlenelf?
Die Fohlenelf war das legendäre Team von Borussia Mönchengladbach der 1970er Jahre unter Trainer Hennes Weisweiler — mit Spielern wie Günter Netzer, Jupp Heynckes und Berti Vogts. Gladbach gewann fünf Meisterschaften in acht Jahren.