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Erste Dekade

1963–1972: Die Anfangsjahre, Gerd Müller und der Bundesliga-Skandal

Als es im Sommer 1963 endlich vollbracht ist, bringt die Deutsche Bahn ein Faltblättchen in Umlauf. Mit ein paar Tipps für reisende Fußball-Fans in der BR Deutschland: "Junggesellen stellen Wasser, Strom und Gas ab, Personalausweise nicht vergessen, Garage abschließen, ehe Sie zum Bahnhof gehen. Und wie wär’s mit etwas Schmerzensgeld für die Mutti zu Hause, weil sie die Kinder hüten muss?"

Eine neue Liga ist wie ein neues Leben und das Leben vieler Deutschen ändert sich mit Einführung der Bundesliga gewaltig. Dass der Herr des Hauses am frühen Abend noch nicht vom Fußball zurück ist, ist nur einer von vielen Aspekten. Eingeführt wird die Bundesliga, weil es höchste Zeit wird. Kein anderes Land in Europa verzichtet so lange auf eine zentrale Spielklasse. In der Bundesrepublik Deutschland wird von 1948 bis 1963 in vier Oberligen gespielt – und die Inselstadt Berlin hat ihre Stadtliga. Auf Dauer, so postuliert nicht nur Bundestrainer Sepp Herberger, ist man damit nicht konkurrenzfähig. Im 1955 eingeführten Europapokal hat man bis dato nichts gewonnen, 1962 scheidet die Nationalmannschaft bei der WM in Chile im Viertelfinale aus. Zum Vergleich: In England wird bereits seit 1885 offiziell professionell und seit 1888 in einer zentralen Liga gespielt. Auf dem Kontinent ist Österreich 1924 das erste Land, das eine Profiliga einrichtet, gefolgt von der Tschechoslowakei (1925), Ungarn (1926), Italien (1926), Spanien (1928), Frankreich (1932) und Portugal (1934).

In Deutschland droht am Anfang der 60-er Jahre das Ausbluten: Überall wird mehr gezahlt als in Deutschland, wo das Vertragsspieler-Statut auch Nationalspielern maximal 400 DM im Monat erlaubt, weshalb alle Kicker arbeiten gehen müssen. Offiziell zumindest. Einige deutsche Nationalspieler zieht es deshalb nach Italien, das sich Anfang der Sechziger auffallend um deutsche Spieler bemüht – Horst Szymaniak, Helmut Haller, Karl-Heinz Schnellinger zieht es über den Brenner. Um diesen Trend zu stoppen, verstoßen die Vereine fortwährend gegen die Statuten.

Heute ist längst vergessen, dass schon über dem Start der Bundesliga am 24. August 1963, Punkt 17 Uhr, ein Schatten liegt. Denn das Konstrukt Bundesliga ist ein fauler Kompromiss. Der Karlsruher SC und Schalke starten mit vier Minuspunkten, weil sie beim Transfer zweier Spieler gemauschelt haben. Ablösesummen (50.000 D-Mark) sind ebenso reglementiert wie Gehälter für die Lizenzspieler (inklusive Prämien 1.200 DM) der 16 Klubs, die der DFB aus 46 Bewerbungen herausfiltert. Weil der KSC für den Nationalspieler Günter Herrmann aber 100.000 DM will, nehmen die Schalker kurzerhand noch einen Reservisten, der nur einmal spielt, quasi gratis dazu. Offiziell kostet aber jeder Spieler 50.000 DM. Der offensichtliche Betrug fliegt auf, aber schon im Herbst 1963 muss der DFB sein Urteil kassieren: die Statuten rechtfertigen es nicht, der Trick ist legal. Moral hin oder her. Vieles muss sich noch einspielen in der Gründerzeit der Bundesliga. Das Statut wird weiterhin umgangen, mit der Ehrlichkeit nehmen es die Vereine nicht so genau. Schon in der zweiten Saison gibt es den ersten Zwangsabstieg: Hertha BSC zahlt viel zu viel an Handgeld und Gehältern, um Spieler aus der BRD in die Inselstadt zu locken. Sogar an Spieler, die nie für Hertha auflaufen: Offenbachs Siggi Held bekommt monatlich 500 DM aus Berlin, quasi als Vorauszahlung für spätere Dienste. Doch er kommt nie, denn Hertha steigt 1965 ab – weil ein DFB-Prüfer ein Defizit von 192.000 D-Mark in der Kasse ermittelt. Eigentlich hätte Hertha schon 1963 gar keine Lizenz erhalten dürfen. Da die beiden sportlichen Absteiger nun von Wettbewerbsverzerrung sprechen und eine Prozesswelle droht, stockt der DFB die Liga auf 18 Mannschaften auf. Das längst geheiligte "18-er Format" der Liga hat also eine "kriminelle" Ursache. In der Saison 1964/65 steckt der Vizepräsident des Hamburger SV, Horst Barrelet, dem "Spiegel", dass ein Nationalspieler unter 70.000 Mark nicht zu haben sei. Und HSV-Schatzmeister Karl Mechlen klagt: "Man verspricht sich in die Hand, keine Spieler abzuwerben und nicht mehr als die erlaubten Handgelder zu zahlen. Doch kaum sind sie aus dem Haus, da rotieren sie, um Spieler schwarz zu angeln."

Im Juli 1965 widmet "Der Spiegel" den Finanzen der Bundesliga eine Titelstory ("Notstand im Fußball"). Das Magazin stellt die Realitätsferne der DFB-Führung an den Pranger und formuliert deftig: "Eigentliche Ursache für das deutsche Bundesliga-Chaos sind die unrealistischen Zahlungsgrenzen des Bundesliga-Statuts. Sie wurden von Alt-Funktionären festgelegt, die sich der Entwicklung nicht angepasst haben. Während sie Idealismus predigten, sahen sich die Vereine geradezu gezwungen, das Zahlungslimit zu durchbrechen. Zu den vorgeschriebenen Höchstpreisen mag sich schon seit Jahren kein namhafter Spieler mehr verpflichten."

Nach dem Zwangsabstieg von Hertha BSC erhöht der DFB das gedeckelte Hand- und Treuegeld von 10.000 auf 15.000 Mark. Das Mindestgehalt eines Lizenzspielers wird von 250 Mark auf 400 Mark angehoben, die Ablösesummen für Lizenzspieler dürfen nun maximal 100.000 DM und die für Vertragsspieler (Regionalliga) 75.000 DM betragen. Der DFB-Kontrollausschuss kann auf Antrag nun sogar noch höhere Summen genehmigen. Außerdem wird bei Vertragsabschlüssen und -verlängerungen eine einmalige Zahlung von bis zu 20.000 Mark gestattet. Der DFB bleibt sich mit den Reformen treu. Verglichen mit den finanziellen Möglichkeiten, die sich deutschen Spitzenfußballern im Ausland bieten, sind die neuen Regelungen weiterhin unattraktiv. Das soll sich sechs Jahre später rächen.

Zum Glück hat die Bundesliga der Frühzeit auch ihre schönen Seiten; die Massen strömen samstags in die Stadien. Der Rekord-Schnitt von 1964/65 (27.052) wird erst 1995 überboten. Der Stehplatz kostet auf Schalke 1,40 DM, pro Ticket nehmen die Vereine 1963/64 im Schnitt 3,72 DM ein. Fußball ist noch ein Vergnügen für jedermann. Zehn Jahre später kostet die durchschnittliche Eintrittskarte schon 6,38 DM.

Das Fernsehen trägt zur Popularität der Bundesliga bei, wenn es sich auch schwertut, Tribut zu zollen. In den ersten beiden Jahren zahlen ARD und ZDF nur, wenn auch ein Kamerateam anreist. Noch denkt niemand an TV-Verträge oder Zentralvermarktung. Eine Zahl ist erhalten aus jenen Tagen: der 1. FC Kaiserslautern bekommt 1963/64 genau 10.800 DM Fernsehhonorar. Kaum bekannt ist, dass ARD und ZDF je 12 Spiele übertragen; jeder Sender ein Spiel pro Monat und zeitversetzt – meist nur die zweite Halbzeit. Welches sie wählen, wird nicht verraten, die Anhänger sollen ja trotzdem ins Stadion gehen.

Den ersten Fernsehvertrag schließt der DFB 1965/66, für 647.000 DM. Heute gibt es das mehr als das 40-fache für die Klubs der ersten und zweiten Bundesliga. Aber heute verdienen die Spieler auch mehr als das 300-fache. Als Preußen Münster 1963 den VfB Stuttgart bezwingt, steckt ein seliger Fan Stürmer Manfred Rummel einen Barscheck über 20 Mark zu "für die erbrachte Leistung", der in der Mannschaftskasse landet. Spieler und Fans leben noch in derselben Welt. Niemand ist tätowiert, keiner trägt bunte Schuhe. Montag müssen ja viele wieder zur Arbeit, weshalb nur abends trainiert wird. Weltmeister Hans Schäfer vom ersten Deutschen Meister 1. FC Köln steht um sieben in seiner Tankstelle, Schalkes Ausputzer Willi Schulz etwas später in seiner Kneipe. Verrückte gibt es trotzdem; wie den stürmenden und singenden Torwart von 1860 München, Petar Radenkovic ("Bin i Radi, bin i König") oder den HSV-Linksaußen Charly Dörfel, der wegen falscher Personalangaben vom Platz gestellt wird. Auf die mehrmalige Frage des Schiedsrichters, der ihn verwarnen will, sagt Dörfel keck, er heiße Meier. Dann sagt der Pfeifenmann: "Runter vom Platz, Herr Dörfel."

Kicken können sie alle. Jedenfalls die sportlichen Erwartungen erfüllt die Bundesliga schon in ihrem ersten Jahrzehnt; sie produziert Champions. Borussia Dortmund (1966) und Bayern München (1967) gewinnen den Europapokal der Pokalsieger, die Nationalmannschaft wird 1972 Europameister mit der besten Elf aller Zeiten. Mit Franz Beckenbauer und Günter Netzer, den Stars der Aufsteiger von 1965, Bayern München und Borussia Mönchengladbach. Die beiden werden die ersten Super-Stars der Bundesliga, für die sich Werbeindustrie und Berater interessieren. Und ihre Klubs werden die ersten Supermächte der Bundesliga. Sechs Jahre lang hat es immer einen neuen Meister gegeben: Auf Köln in der Startsaison 1963/64 folgt Werder Bremen, dann 1860, Eintracht Braunschweig und Nürnberg, das als Meister im nächsten Jahr absteigt.

Abb. 2.2.1 Infografik by Ligalive. Bild von Imago Images, Infografik von Andjela Jankovic im Auftrag von Closelook Venture GmbH

Ehe der Mensch auf dem Mond landet, zündet die Bayern-Rakete: als erster Bundesligist schaffen die Münchner 1969 das Double. Mit nur 13 eingesetzten Spielern, obwohl seit 1967 das Auswechseln erlaubt ist. 1970 ist dann Borussia Mönchengladbach dran; mit Hurra-Fußball erobern die Fohlen die Herzen. Der katholische Pfarrer im Stadtteil Eicken läutet am 30. April die Kirchenglocken nach der ersten Meisterschaft der kleinen Großstadt am Niederrhein. Bis 1977 wird es nun heißen "Bayern oder Gladbach". Weil sie die Stars ihrer Zeit versammeln, die allesamt aus der Region kommen: Hier Maier, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Hoeneß und Müller, dort Kleff, Vogts, Bonhof, Netzer und Heynckes.

Die letzten Jahre der ersten Dekade stehen in einem seltsamen Kontrast: sportliche Höchstleistungen (Bayern schießt im Europameister-Jahr 1972 unerreichte 101 Tore) und spannende Saisonfinals vor leeren Rängen. Denn im Juni 1971 verliert die Bundesliga ihre Unschuld. Auf der Geburtstags-Party des Offenbacher-Präsidenten Horst-Gregorio Canellas platzt die Bombe: Tonbandaufnahmen beweisen Manipulationen.

Der Bundesliga-Skandal, in den abstiegsgefährdete Mannschaften wie Arminia Bielefeld und Rot-Weiß Oberhausen die halbe Liga hineinziehen, hat katastrophale Folgen. Spiele werden manipuliert, Spieler schwören Meineide und Profi-Fußball in der BRD wird zum "kriminellen Unsinn", wie ein ARD-Intendant kommentiert. Die Folgen: Der nächste Zwangsabsteiger (Bielefeld), viel Arbeit für die Gerichte. Und nie sind die Stadien leerer als 1972. Fans und Spieler leben nicht mehr in derselben Welt.

52 Spieler, zwei Trainer und sechs Vereinsfunktionäre werden im Zuge des Bundesligaskandals bestraft, Arminia Bielefeld wird in die Regionalliga verbannt. "Der Spiegel" sieht die Ursachen des Skandals tief in den Geburtsfehlern der Bundesliga verwurzelt und schreibt: „In Hurra-Patriotismus befangen, verpasste das Amateur-Fußvolk den Aufbruch ins 20. Fußball-Jahrhundert. So zwängte die Amateur-Mehrheit des DFB-Bundestages die Spitzenclubs in eine rechtlich und wirtschaftlich fehlkonstruierte Bundesliga. Die Profis wurden eine Vereinseinrichtung der Amateure; auf die Wirtschaft übertragen würde die Börse gleichsam eine Sektion des Sparvereins. (…) Bezahlung für Spitzenspieler ließen sich die Amateure noch abringen. Aber etwas Jungfrau sollten die Profis doch bleiben: Knauserig setzte die DFB-Mehrheit Grenzen für Prämien und Gehälter fest, statt die Marktregel von Angebot und Nachfrage zu akzeptieren. (…) Am Rande und abseits der unrealistischen DFB-Legalität weitete sich eine graue Zone aus. Wer sich an die DFB-Zahlungsgrenzen hielt, blieb an der Spielerbörse auf Statisten sitzen."

Als Folge des Skandals fallen im Jahr 1972 alle Obergrenzen für Gehaltszahlungen. 1974 werden Bundesliga- und Lizenzspielerstatut miteinander vereinigt. Auch die Begrenzung bei Ablösesummen wird abgeschafft. Ende 1973 wird die Trikotwerbung legalisiert.

Erste Dekade — Infografik
Infografik by Ligalive. Bild: Imago Images, Infografik: Andjela Jankovic / Closelook Venture GmbH
Erste Dekade — Infografik. Foto: Imago Images
Die Anfangsjahre der Bundesliga
Foto: Imago Images / WEREK
Die Anfangsjahre der Bundesliga. Foto: Imago Images

Häufig gestellte Fragen

Was passierte in der ersten Dekade der Bundesliga?
Die Jahre 1963–1973 brachten die Anfänge des Profifußballs in Deutschland, den Aufstieg von Bayern München und Borussia Mönchengladbach, sowie den Bundesliga-Skandal 1971 — die größte Bestechungsaffäre der deutschen Fußball-Geschichte.
Was war der Bundesliga-Skandal?
1971 wurde aufgedeckt, dass mehrere Vereine Spiele manipuliert hatten, um Abstiege zu verhindern. Über 50 Spieler und Funktionäre wurden bestraft. Der Skandal erschütterte das Vertrauen in den deutschen Profifußball.